Luther, der Deutsche

Einführung in die Sektion

Hole Rößler

Im Oktober 1917 setzte die Münchener Satirezeitschrift Simplicissimus Martin Luther auf die Titelseite (Abb. 1). Anlass war nicht nur das vierte Reformationsjubiläum, sondern auch das dritte Jahr des Großen Krieges. Wachsende Inflation und eine unsichere Nahrungsmittelversorgung hatten ein krisenhaftes Ausmaß angenommen, während die Verluste an der Westfront – die Dritte Flandernschlacht war noch im Gange, als das Heft erschien – kaum mehr durch militärische Erfolge zu rechtfertigen waren. Die Zeichnung von Wilhelm Schulz (1865–1952) ist erkennbar an den von Lucas Cranach d. J. (1515–1586) und seiner Werkstatt ab 1546 geschaffenen Ganzfigurenporträts orientiert: korpulent, in einen Talar gekleidet und barhäuptig, die charakteristische Locke auf der Stirn.1

Abb. 1
Abb. 1 Wilhelm Schulz: Luther, Lithographie, in: Simplicissimus 22,31 (1917), Titelblatt. Deutsches Literaturarchiv Marbach: ZHm 62.1124
Diese Abbildung ist urheberrechtlich geschützt

Anders als in den Vorlagen aus dem 16. Jahrhundert ist der Reformator hier in betont kämpferischer Pose mit geballten Fäusten dargestellt, umringt von Vertretern verschiedener gesellschaftlicher Gruppen – deutlich erkennbar sind Arbeiter, Bauern und ein Student. Luthers Rede an dieses Publikum ist in der Bildunterschrift wiedergegeben:

Ich wünschte/ daß alle Deutsche so gesinnt wären/ daß sie sich kein Flecklein noch Dörflein plündern ließen/ noch wegführen ließen/ sondern wenn es zu solchem Ernste und Noth käme/ daß sich wehrte/ was sich wehren könnte/ Jung und Alt/ Mann und Weib/ Knecht und Magd.

Es handelt sich dabei um ein Zitat aus Luthers Heerpredigt wider den Türken (1529), das hier als Durchhalteparole für die Heimatfront fungiert.2 Luther, darauf baut das Titelblatt auf, galt als Vorkämpfer der Einheit und Unabhängigkeit der deutschen Nation. Zu einem derartigen Volkshelden jedenfalls war er seit dem frühen 19. Jahrhundert in Festakt und Denkmal, in Kunst und Literatur stilisiert worden.3 Als habe es nie eine konfessionelle Spaltung gegeben, wurde Luther als zentrale Identifikationsfigur Deutschlands installiert.

Der englischstämmige Vordenker eines rassistisch-antisemitischen Deutschtums Houston Stewart Chamberlain (1855–1927) formulierte dies im Oktober 1914, zwei Monate nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges so:

Denn Luther ist nicht ein großer Mann, der zufällig in Deutschland geboren wurde, vielmehr gleichen er und Deutschland dem Vorder- und Rückbilde einer geprägten Münze, die auf der einen Seite das wie im Traum erblickte Symbol unaussprechlicher Kräfte und Wünsche, Kämpfe, Verzagtheiten und Wonnen eines millionenfach dunklen Hinstrebens aufweist, und auf der andern die vergänglichen Züge des einen Mannes, in dessen Leben das, was Alle wollten, unvergängliche Gestalt gewonnen hat.4

Luther war, wie es der Historiker Gerhard Ritter (1888–1967) 1925 ausdrückte, „der ewige Deutsche“ – zugleich überragende Gestalt der deutschen Geschichte und Realisierung des Nationalcharakters.5 Berühmt ist in diesem Zusammenhang die Rede Heinrich von Treitschkes (1834–1896) über „Luther und die deutsche Nation“, gehalten im November 1883 anlässlich des 400. Geburtstages des Reformators: „Keine andere der neueren Nationen“, schreibt der Berliner Historiker, „hat je einen Mann gesehen, […] der so in Art und Unart das innere Wesen seines Volkes verkörpert hätte.“6 Dieses Lutherbild war indes keine Erfindung Treitschkes, sondern hatte seit dem Reformationsjubiläum von 1817 und dem Wartburgfest einen festen Platz im öffentlichen Diskurs. Selbst ein dem reaktionären Denken gänzlich unverdächtiger Autor wie Heinrich Heine (1797–1856) lässt Luther in seiner Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland (1833/34) in der Doppelrolle als Erzhelden der Nation und Inbegriff des deutschen Wesens auftreten: Luther sei „nicht bloß der größte, sondern auch der deutscheste Mann unserer Geschichte“; „in seinem Charakter [sind] alle Tugenden und Fehler der Deutschen aufs Großartigste vereinigt“, weswegen er „auch persönlich das wunderbare Deutschland repräsentiert“.7 Noch für Thomas Mann (1875–1955) war Luther „eine riesenhafte Inkarnation deutschen Wesens“.8 Heine und Mann schrieben diese Zeilen als Deutsche im Exil – und auch andere ‚Außenstehende‘ teilten ihre Sicht. In dem vielgelesenen De l’Allemagne (1813) machte zuvor schon Germaine de Staël (1766–1817) Luther zum Inbegriff des Deutschen:

Von allen großen Männern, welche Deutschland hervorgebracht hat, ist Luther gerade der, dessen Charakter am meisten deutsch war: seine Festigkeit hatte etwas Rohes; seine Ueberzeugung reichte bis zum Eigensinn; sein Geistesmuth war in ihm das Princip des Muths zum Handeln; die Leidenschaftlichkeit seines Gemüths zog ihn nicht ab von abstracten Studien, und ob er gleich gewisse Missbräuche und gewisse Dogmen als Vorurtheile angriff, so war es doch nicht sowohl eine philosophische Ungläubigkeit, als ein ihm eigenthümlicher Fanatismus, was ihn begeisterte.9

Es ist leicht erkennbar, dass sich die kolportierte Gleichsetzung von Persönlichkeit und Nationalklischee der vereinfachten Deutung von Luthers Kritik der Papstkirche verdankte. Luthers Weigerung, seine Schriften auf dem Reichstag zu Worms zu widerrufen, machte ihn in den Augen vieler zum Ahnherrn der politischen Souveränität einer deutschen Nation, deren Einheit er maßgeblich durch die Verwendung der deutschen Sprache befördert habe.10 In seiner unversöhnlichen Haltung gegenüber Rom erkannte man wiederum Nationalstereotypen, wie sie seit Tacitus’ Germania und den Annales – und deren frühneuzeitlicher Rezeption – kursierten.11 Insbesondere die Darstellung des Arminius als „Liberator Germaniae“ durch Ulrich von Hutten (1488–1523) und andere, der Reformation nahestehende Humanisten etablierte nachhaltig Freiheitsliebe als zentrale Eigenschaft des deutschen Nationalcharakters, dem Luther ganz zu entsprechen schien.12 Den umgekehrten Weg beschritten italienische Autoren, die die reformatorische Bewegung ebenfalls aus spezifisch deutschen Wesenszügen – Hochmut, Habgier, Trunksucht und Neigung zur Ketzerei bis zur Gottlosigkeit – erklärten und Luther als dessen Verkörperung darstellten.13

Die Identifikation Luthers mit Deutschland sowie umgekehrt die Rückführung der als typisch deutsch erachteten Eigenschaften auf Luther hält bis heute an. So wird er etwa in Deutschland Lutherland. Warum uns die Reformation bis heute prägt (2015) als Ursache und Ausgangspunkt der Entwicklung ‚deutscher‘ Eigenschaften wie Fleiß, Großzügigkeit, aber auch Sparsamkeit, Kinderlosigkeit oder Kunstaffinität verklärt, ungeachtet regionaler, konfessioneller, sozialer und politisch-historischer Differenzen.14 Dass überdies ein nicht geringer Teil der heutigen Bevölkerung Deutschlands, aufgrund von Zuwanderung einen ganz anderen kulturellen Hintergrund besitzt, deswegen aber nicht weniger fleißig oder sparsam ist, wird dabei offenbar nicht als Widerspruch wahrgenommen. Ebenso laufen Fragen wie „warum wir die reichste Musikkultur der Welt haben“, Gefahr, mit Verweis auf eine als ‚Geschichte‘ missverstandene Akkumulation nationaler Klischees einen kulturellen Chauvinismus fortzuschreiben, der – politisch wie historiographisch – längst überwunden schien.

Die Forschung hat immer wieder hervorgehoben, dass das Bild „Luther, der Deutsche“ ein Produkt der bürgerlichen Lutherrezeption des 19. und 20. Jahrhunderts sei.15 Aus Sicht einer Entwicklungsgeschichte der bürgerlichen Gesellschaft und des Nationalstaats ist diese Feststellung durchaus nachvollziehbar. Allerdings ist in dem Maße, in dem in den letzten Jahren die vormodernen Wurzeln der modernen Nationalidee freigelegt wurden, auch die Entstehung dieses Lutherbildes neu betrachtet worden.

Das vormoderne Konzept von Nation als sprachlich und kulturell determinierter „Ehrgemeinschaft“ begünstigte einen Kult um Personen, dank derer eine Vorrangstellung im kulturellen Konkurrenzkampf mit anderen Nationen zu behaupten war.16 In diesem vielfach von Humanisten befeuerten Wettbewerb fand Luther rasch einen Platz. Dies lag vor allem daran, dass seine Schriften im Anschluss an die Veröffentlichung der 95 Thesen ein nie dagewesenes Ausmaß an massenhafter Verbreitung fanden und Luther in wenigen Jahren weit über Wittenberg hinaus bekannt machten.17 Bereits Ende 1518 sprechen Zeitgenossen davon, dass er „celeberrima hominis in tota Germania fama“, der „berühmteste Mann Deutschlands“ sei.18 Die Identifikation Luthers als Deutscher „an sich“ wurde überdies dadurch begünstigt, dass die Reformation und das Luthertum weitgehend auf den deutschsprachigen Raum begrenzt blieben.19 Ursächlich hierfür war nicht zuletzt die Wahl der Sprache: Ab 1520 verfasste Luther die Mehrzahl seiner Schriften auf Deutsch; von diesen wurde nur ein vergleichsweise geringer Teil in andere Sprachen übersetzt, was nach Bernd Moeller eine Folge des „Ketzerurteils“ (Kirchenbann und Reichsacht) war.20

Einer Reihe von Humanisten erschien Luthers Kritik an der päpstlichen Kirche als theologisch fundierte Unterstützung ihrer eigenen nationalistischen Bestrebungen, die insbesondere eine politische Unabhängigkeit der deutschen Territorien und eine radikale Eindämmung der materiellen Abgaben an Rom beinhalteten. Obwohl Luthers Lehre Gültigkeit für die gesamte Christenheit beanspruchte, legten es etliche Äußerungen, in denen Luther den eigenen kirchenpolitischen Handlungsraum explizit auf Deutschland beschränkte, nahe, die reformatorischen Forderungen als Beitrag zur Erlangung nationaler Eigenständigkeit zu deuten. Es handelt sich dabei, wie Caspar Hirschi gezeigt hat, nicht zuletzt um eine – womöglich bewusste – Fehldeutung von Luthers Freiheitstheologie. Diese musste nicht nur als Rechtfertigung für einen militanten Antiklerikalismus und den Aufstand der Reichsritter 1522/23 herhalten, sondern konnte auch dazu gebraucht werden, den kulturellen Wettkampf der Nationen in einen xenophoben Befreiungsdiskurs zu transformieren.21 Doch aufgrund seiner Annahme, dass jegliche politische Autorität von Gott zugelassen und legitimiert sei, wie auch aufgrund seiner Endzeiterwartungen konnte Luther die Vorstellung einer gegebenenfalls gewaltsam herbeizuführenden protestantischen Nation nicht sonderlich erstrebenswert erscheinen.22

Mit der Auffassung als „deutscher Elias“ (Kat. Nr. 42 und 43) und „Retter Deutschlands“23 begann die ‚Säkularisierung‘ Luthers, eine in immer neuen Anläufen formulierte mythisch-heroische Ursprungserzählung der deutschen Nation, mit der sich in ausreichender Faktenferne noch jede ideologische Volte begründen ließ.24 Luthers eindeutig antisemitischen Schriften (Kat. Nr. 23) erlaubten es schließlich auch, ihn als ‚Befreier‘ der Deutschen von einem vermeintlichen ‚inneren Feind‘ zu inszenieren und mit ihm nationalsozialistische Rassenpolitik zu legitimieren.25 Als nach dem Zweiten Weltkrieg die spezifisch deutsche Mentalität im dringenden Verdacht stand, eigentliche Ursache für die Katastrophe gewesen zu sein, blieb Luthers Bedeutung unangefochten – es änderte sich lediglich das Vorzeichen. In seiner vielgelesenen Studie The Course of German History (1945) erklärt der britischen Historiker Alan J. P. Taylor (1906–1990) den Nationalsozialismus als im Grunde notwendige Folge des Preußentums. Die eigentliche Ursünde und der Ausgangspunkt der fatalen deutschen Sonderentwicklung aber ist für Taylor das Auftreten und Wirken Luthers:

He made Germany a nation, but a nation divided against itself. He gave the Germans a spiritual individualism and destroyed for centuries their political independence. He broke with the medieval dream of universalism, only to lead Germany in the nightmare of particularism. He taught the Germans to believe in Liberty, but he taught them also that liberty is to be found only in the service for the prince. He created the German language, and he used his creation for attacking reason, for expressing hysteria.26

Vor dem Hintergrund des nationalistischen Lutherkultes stand die Frage im Raum, ob Luther eine Mitschuld an Krieg und Völkermord traf.27 Dabei blieb die Zuschreibung im Grunde dieselbe: Luther, der Deutsche, hätte quasi im Alleingang ‚Deutschland‘ erschaffen, nur die Bewertung hatte sich geändert. Die Vorstellung, ein einzelner – zumeist: ein ‚großer Mann‘ – habe Geschichte gemacht und sei mithin verantwortlich für das Gewesene und das Gewordene, hat allen geschichtstheoretischen Bemühungen und allen Unwahrscheinlichkeiten zum Trotz bis heute kaum an Attraktivität eingebüßt.

 

 


 

1  Roper 2012, S. 16–20.

2  Luther 1529, S. 183.

3  Siehe dazu u. a. Baeumer 1977; Lehmann 1984; Killy 1983; Scharfe 1996; Wendebourg 2014 sowie den Beitrag von Hansjörg Buss.

4  Chamberlain 1915, S. 73.

5  Ritter 1925, S. 151.

6  Treitschke 1897, S. 393. Siehe dazu auch Lehmann 2012b.

7  Heine 1964, S. 185f.

8  Mann 1960, S. 1132.

9  De Staël 1815, Bd. 3.1, S. 218f.

10  Siehe dazu auch Flacke 1998, S. 111–115.

11  Vgl. Heitmann 2003–2008, Bd. 1, S. 40–43 u. 127–138. Siehe auch Florack 2001, S. 51–80; Beller 2007 (mit weiterer Literatur) sowie bes. Mertens 2004.

12  Vgl. Becker 2013, S. 150ff.; Mertens 2004, S. 96–100, bes. S. 98f.; Ridé 1977, S. 664–672.

13  Heitmann 2003–2008, Bd. 1, S. 147f.

14  Eichel 2015.

15  Bspw. Bornkamm 1970, S. 16f. u. passim; Echternkamp 1998, S. 121 f.; Schmidt 2014, bes. S. 181 f.; van Ingen/Labroisse 1984.

16  Hirschi 2005, S. 43 u. passim.

17  Moeller 2001, S. 19.

18  Ebd., S. 27.

19  Hirschi 2005, S. 417.

20  Moeller 2001, S. 38f.

21  Hirschi 2005, S. 431 u. 435.

22  Ebd., S. 422; Hirschi 2012, S. 196–206.

23  Posset 2015, S. 123f. Siehe auch Ridé 1977, S. 664–672.

24  Siehe dazu auch Bormann 1984.

25  Siehe Kaufmann 2013; Oelke u. a. 2015.

26  Taylor 1982, S. 10.

27  Zu diesem Komplex siehe auch Lehmann 2012c.

 

Zitierempfehlung: Hole Rößler: Luther, der Deutsche. Einführung in die Sektion. In: Luthermania – Ansichten einer Kultfigur. Virtuelle Ausstellung der Herzog August Bibliothek im Rahmen des Forschungsverbundes Marbach Weimar Wolfenbüttel 2017. Format: text/html. Online: http://www.luthermania.de/exhibits/show/hole-roessler-luther-der-deutsche [Stand: Zugriffsdatum].